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Auf dem "Gottesacker der
Protestanten" Ein Custode öffnet die Pforte der beiden Kirchhöfe, denn schon zwei Saatfelder hat sich der Tod hier angelegt. Sie gleichen den schönsten, wohlgepflegtesten Gärten. Dunkle Cypressen, schlanker Lorbeer, phantastische Cactusstauden, freundliche Myrthe, bescheidener Buchsbaum und üppiger Kirschlorbeer bilden um und zwischen den Gräbern die anmuthigsten Bosketts und immer blühende Rosenhecken, so frisch und voll, wie man sie in dieser Jahreszeit selbst in Rom selten sieht, fassen die schmalen Sandgänge und die Kirchhofsmauer lieblich ein.
Obwohl der Gottesacker der Protestanten sehr eben liegt, zählt er doch mit unter die schönsten Punkte in Roms nächster Umgebung. Man hätte den Ketzern füglich kein heimlicheres Plätzchen gönnen können, als diese stille Ebene im tausendjährigen Gottesfrieden der grauen Pyramide, dieses Sinnbild ältester Priesterweisheit. Die Gräber, an denen ich stille Andacht zu halten einsam hierher gewallfahrtet war, mochte ich mir vom Custode nicht zeigen lassen, ich wollte sie mir selbst aussuchen, in der Hoffnung, bei diesem Geschäft manch interessante Grabschrift zu entdecken. Diese Hoffnung täuschte mich nicht. Ich fand manchen Namen, der schon früher mein Ohr berührt hatte, manchen, wobei mir die Grabschrift den Schmerz der Hinterlassenen verrieth. Uebrigens ruhen in den Gräbern an der Cestius-Pyramide Deutsche verhältnißmäßig am wenigsten, die meisten Opfer hat Altengland geliefert. Unter diesen trifft man auf viele zarte Blüthen, die der Tod im schönsten Lebensalter gebrochen hat. Ich mußte lange suchen, ehe ich den Grabstein des Mannes endeckte, der keinem gefühlvollen Deutschen gleichgültig sein kann, weil er der einzige Sohn des Dichters war, den unser Volk, wenn es gerecht sein will, immer den größten wird nennen müssen. Es ist ein schmuckloser Stein, der die Stätte bezeichnet, wo Goethes Sohn einsam den ewigen Schlaf schläft.
Der Stein zeigt das Portät des Verstorbenen im Relief, und eine lateinische - warum nicht eine deutsche? - Inschrift sagt, daß hier Goethes Sohn begraben liege. Cypressen umflüstern melancholisch die Gruft des Dichtersohnes. Shelleys Grab entdeckte ich zunächst. Gleich daneben liegt der Grabstein seines Freundes Hunt, der mit ihm zugleich auf den empörten Wogen des Meerbusens von Spezzia ertrank. Vor einigen Wochen hatte mir ein alter Schiffer in Livorno die Stelle gezeigt, wo Lord Byron, dieser dämonische Mensch mit dem weichen Herzen eines Kindes, dem todten Freunde den Scheiterhaufen schichten und seine Asche auf den Silberschaum der grollenden Brandung streuen ließ. Nur das Herz Shelleys, des bleichen Denkers, des friedlichen Atheisten, des Sängers zartester Lieder liegt hier begraben.
Noch andere Namen fand ich, deutsche, englische und russische, denen lange prunkende Grabschriften gesetzt waren, vielleicht, weil ihr Leben unbedeutend verlief, nur einen, den ich auch gern heimsuchen wollte, konnte ich nirgends entdecken - das Grab des Dichters Waiblinger ist mir entgangen. Auch der Custode kannte es nicht.
So verlebte ich ein paar unvergeßliche
Stunden am Fuß der Pyramide. Die Mittagsstunde war längst vorüber als ich, ein ächter
sentimentaler Deutscher, mit Erinnerunsblättern reichlich versehen, den stillen
Gottesacker verließ. |
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