Ludwig Richter

Oktoberfreuden am Monte Testaccio

Rom 1824

Die Oktoberfreuden zu genießen, war auch ich mit Koch, Wagner, dem Bildhauer Lotsch, v.Hempel, Thiele und Oehme nach dem Monte Testaccio gegangen. Unter den alten Ulmen, welche den Hügel umgeben, und vor den geöffneten Kellern hatten sich bereits fröhliche Volksgruppen eingefunden, die sich an dem trefflichen Weine labten, der hier verschenkt wird.

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Koch tobte beim Anblick eines neuen, etwas eleganten Vorbaues an einem der Keller und stampfte im Zorn mit seinem Stock, der mehr einer Keule ähnlich sah, über solche ungebührliche Modernisierung. Denn alles, was die alten, naturwüchsigen Zustände Roms im geringsten antastete, war ihm ein Greuel. In dieser Beziehung dachte er wie Winckelmann und wie alle, die nicht unbedingt der Nützlichkeitstheorie huldigen: "Ich kenne für mich nur zwei schrecklich Dinge: wenn man die Campagna anbauen und Rom zu einer polizierten Stadt machen wollte – und würde in solchem Falle Rom verlassen. – Nur wenn in Rom eine so göttliche Anarchie und um Rom eine so himmlische Wüstenei ist, bleibt für die Schatten Platz, deren einer mehr wert ist als dieses ganze Geschlecht."

Nach und nach wurde es lebendiger auf dem Platze. Wagen kamen gefahren, gefüllt und überfüllt mit buntgeputzten Mädchen und Frauen und ihren Männern oder Liebhabern. In einem Wagen saßen vier wunderhübsche Mädchen, Trasteverinnen, ganz gleich gekleidet: weißer Rock, rosafarbenes Samtjäckchen und blaue Schuhe mit großen, silbernen Schnallen; auf dem Kopfe den schwarzen Filzhut, mit Federn und Blumenkränzen geschmückt.

Die Fröhlichkeit wurde lauter. Das helle Lachen der Mädchen, das Zurufen, Singen und Deklamieren der Männer, das Klimpern einer Mandoline mit dem Pauken und Rasseln des Tamburins, welche den Saltarello begleiteten, alles macht die Allegria vollständig. Es ist ein wohltuendes Gefühl, daß bei solcher Volkslust, trotz Wein und Tanz, trotz des ungezwungensten Verkehrs der Geschlechter untereinander nicht das mindeste, was einer Roheit ähnlich sieht, zu bemerken ist. Gemeinheit wie Ziererei liegen gleich fern.

Wir saßen an einem der Keller, vertieften uns in Gespräche wie in den angenehmsten Frascatiner Wein und schauten dem fröhlichen Treiben zu. Ich stieg auf den Hügel, wo ein einfaches Holzkreuz steht, sah zwischen die dunklen Wipfel der Ulmen über das bunte Gewimmel, das sich seines Daseins freute. Auf dem Wiesenplan weidete ein Junge einige Schafe; weiter an der alten Stadtmauer ragte neben der Porta S. Paolo bedeutsam die Pyramide des Cestius mit dem kleinen protestantischen Kirchhof, und aus weitester Ferne grüßten aus der klaren Herbstluft die schönen Sabinerberge herüber.

 

 

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