Società Dante Alighieri
Deutsch-Italienische
Gesellschaft e. V., Hamburg
Forum der Hochschule für Musik und Theater
Sonntag, 14.11.1999, 11.00 Uhr
Der
Protestantische Friedhof
an der Cestius-Pyramide in Rom
Der internationale Friedhof der
Fremden in Rom, die nicht der katholischen Kirche angehörten -
ein Friedhof mit berühmten Namen, wie z. B. Johann Wolfgang von Goethes Sohn August,
die Humboldt-Söhne Wilhelm und Friedrich, die englischen Romantiker Keats und Shelley.
Dem Kirchhof reisender Adliger, Dichter, Künstler und Wissenschaftler bei der
Cestius-Pyramide,
diesem Locus amoenus, diesem lieblichen Park inmitten einer modernen Weltstadt,
der auch die Lebenden zu Ruhe und Einkehr einlädt, haben wir eine Matinee
im traurig-schönen November gewidmet.
Eintritt frei
Begrüßung
Jürgen Mulzer, Hochschule für Musik und Theater
Einführung
Dr. Friedrich Ruth, Botschafter a. D., Bonn
Präsident der Vereinigung Deutsch-Italienischer Kultur-Gesellschaften
Vortrag
Der Friedhof bei Cestius in Rom -
religiöse Minderheiten
im Schatten des päpstlichen Rom
Dr. Wolfgang Krogel, Berlin
Lesung aus Briefen und Reisebeschreibungen
Karl Philipp Moritz, Reisen eines Deutschen in Italien
Wilhelm Heinse, Ardinghello
C. A. Boettiger, Sitten- und Kulturgemälde von Rom, Gotha 1802
F. L. Meyer, Darstellungen aus Italien, Berlin 1792
Spaziergänge in Rom, aus dem Englischen mit Zusätzen und Erweiterungen
bearbeitet von Wilhelm von Lüdemann, Dresden 1828
Italienische Nächte, Reiseskizzen und Studien von Ernst Willkomm, Leipzig 1847
Erwin Speckter, Briefe aus Italien, Leipzig 1846
Roma Capitale, Römische Lebens- und Landschaftsbilder von Rudolf Kleinpaul, Leipzig 1880
Es liest: Julia Malik
Textauswahl: Henning Kluger, Jürgen Mulzer
Lichtbilder in Überblendtechnik auf Großbildleinwand
Photographie und Idee der Veranstaltung: Jürgen Mulzer
Klaviermusik
Johann Sebastian Bach: Sarabande aus der Englischen Suite Nr. 3 g-moll
Johann Sebastian Bach: Sarabande aus der Partita Nr. 5 G-dur
Muzio Clementi: Lento h-moll aus der Sonate op. 26 Nr. 2
Ottorino Respighi: Preludio I
Am Flügel: Gabriele Cervone
| Fremdlinge im päpstlichen Rom - das waren die Menschen, die ihr Lebensende in Rom fanden und nur in einem Ketzergrab auf den Weiden des römischen Volkes zur Erde beigesetzt werden konnten, Die ersten Spuren einer Begräbnisstätte für Nichtkatholiken (acattolici) bei der Pyramide des Caius Cestius aus der Blütezeit des heidnischen Rom lassen sich bis in das erste Drittel des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen. Frühe Berichte beschrieben Begräbnisse von Protestanten, die zum Exilhof Jakob III. von England gehörten, keine Unbekannten also, sondern Hofbeamte protestantischer Glaubenszugehörigkeit. Es folgten junge Adlige, deren Grand Tour bei Cestius endete, Künstler, Dichter und andere Reisende aus England, Deutschland, der Schweiz, Rußland und vielen anderen Ländern, deren Romsehnsucht, sich auf unerwartete Weise erfüllt hatte. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die ersten Grabsteine aufgestellt, von denen wir bis heute Zeugnis haben. Der Ort wurde damit als Gräberfeld gekennzeichnet, ohne Einfriedung freilich und weit ab von der in Rom üblichen Bestattung in den Kirchengemeinden. Bis zur offiziellen Einrichtung einer Familiengrabstätte für zwei Söhne des Gesandten Wilhelm von Humboldt war jede rechtliche Legitimation für die Begräbnistätigkeit seitens der päpstlichen Aufsichtsbehörden und des römischen Senates vermieden worden. Die sichernde Einfriedung und einen Friedhofswächter erhielt das nunmehr dichter gewordene Gräberfeld erst 1824 in Folge der abgeschlossenen Konkordatsverhandlungen mit der preußischen Krone im Jahre 1821. Seitdem stellte die römische Stadtverwaltung Bestattungslizenzen aus und ließ in mehreren Schritten die Erweiterung des Friedhofes längs der Aurelianischen Mauern zu. Die letzte Erweiterung fand im Jahre 1894 statt nach dem Zusammenbruch des Kirchenstaates. Der Umbau der päpstlichen Stadt Rom zur italienischen Hauptstadt sorgte nach 1870 für turbulente Jahre und eine große Gefährdung für die Erhaltung des ausgewachsenen Fremdenfriedhofes. In den Auseinandersetzungen zwischen der römischen Kommune und den ausländischen Botschaften protestantischer Nationen, die sich inzwischen zu einem Komitee zusammengeschlossen hatten, zeigte sich schlaglichtartig die Veränderung: Der Friedhof war von einer etwas prekären Gräberstätte einzelreisender Nichtkatholiken zu einem gemeinschaftlichen Denkmal mächtiger protestantischer Nationen geworden, zu denen das junge Italien gute diplomatische Beziehungen unterhalten wollte und mußte, oder kurz: der Friedhof war ein Politikum! Mit dem Ersten Weltkrieg brach sich ein gewaltsamer Nationalismus Bahn, aber im Hinblick auf den Friedhof hielten die kriegführenden Nationen zusammen. An diesem Punkte handelten die in Rom verbliebenen diplomatischen Vertretungen im Sinne der pietätvollen Bewahrung gemeinsamer kultureller Wurzeln, demgegenüber die Barbarei des Krieges nur einen Übergang darstellte. Die hier nur kurz angedeuteten Schritte
der Entstehung eines Friedhofes und Veränderung seiner Deutung im römischen Kontext zu
verfolgen, ist Gegenstand des Vortrages. Gegenüber früheren Publikationen werden auch
neue Quellen untersucht und verarbeitet, von denen ein tieferer Einblick in die vor allem
von Preußen aus unterstützte Gemeinschaftsarbeit der Botschaften und des internationalen
Friedhofskomitees zu erwarten ist. |
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