Ludwig Richter, Maler

Rom 1823

Als die Vetturin am deutschen Gasthof anhielt, war die Nacht bereits angebrochen, denn die Untersuchung auf der Dogana hatte viel Zeit gekostet, und so war nach dem Abendessen keine Zeit mehr auszugehen.

Welch glückseliges Erwachen brachte nun der Morgen! Ich mußte mich einige Augenblicke besinnen, ob ich wirklich wach sei oder vielleicht nur träume, ich wäre in Rom.

Aber es war kein Traum, und so sprang ich mit einem Satze aus dem Bette und lief zum Fenster, um mir den augenscheinlichsten Beweis dieser Tatsache zu verschaffen.

Es war noch ziemlich früh. Die Via Condotti lag noch still und menschenleer im kühlen Morgenschatten; aber am Ausgang derselben leuchtete bereits im goldenen Glanz der Sonne der Pincio mit der Kirche Trinità de'Monti über der spanischen Treppe. Ich kleidete mich rasch an, und das Herz pochte gewaltig in ahnungsvoller Erwartung der Dinge, die da kommen sollten.

Ich eilte hinab. Kaum ein paar Schritte gegangen, gewahrte ich zur Linken das vielgenannte Café Greco, das ich sogleich als erster Morgengast betrat, um meinen Frühstückskaffee einzunehmen und dann meine Wanderung auf gut Glück zu beginnen.

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Es dauerte nicht lange, als ein zweiter Gast eintrat, ein schlanker einherschreitender junger Mann. Kaum hatten wir uns erblickt, so lagen wir uns in den Armen. Es war die erste bekannte Seele, die ich hier antreffen sollte, der liebe Wagner aus Meningen. - Es war ausnahmsweise früh ins Café Greco gekommen, weil er einen Brief aus der Heimat erwartet hatte und diesen auch richtig vorfand. Bekanntlich wurden damals, wie vielleicht noch heute, alle Briefe an die deutschen Künstler hier abgegeben, wo das Päckchen am Büffet, zwischen einigen Zukkerbüchsen eingeklemmt, zu jedermanns Einsicht seine offene Lagerstätte hatte, selbst Briefe mit Wechseln. Da die meisten Künstler nach Tische ihren Kaffee hier tranken, wurden sie stets von ihnen durchgesehen und denen, für welche sich Briefe vorfanden, davon Nachricht gegeben. Ich habe während meines dreijährigen Aufenthaltes in Rom nie gehört, daß Mißbrauch mit diesem offenen Brieflager gemacht worden wäre.

So saß ich denn seelenvergnügt mit dem so schnell gefundenen Freunde beim Kaffee und erfuhr zugleich, daß bei seiner Wirtin ein Zimmer noch frei sei, wo ich, wenn ich es beziehen wollte, Stubennachbar mit ihm sein würde. Was konnte mir lieber sein als das! Wir stiegen also alsbald miteinander die spanische Treppe hinauf und gingen nach der Via Porta Pinciana, einem der höchstgelegenen Punkte des Monte Pincio, in Wagners Wohnung. Sie war im Palazzo Guanieri, der Villa gegenüber. Die Bewohnerin des dritten Stockes war eine alte, freundliche Witwe, Mariuccia geheißen, bei welcher außer Wagner noch der Hamburger Maler Flor und ein Stralsunder Landschaftsmaler namens Freyburg wohnten. Phillip Veit, welcher bereits verheiratet war, wohnte über uns im vierten Stock.

Das Zimmer, welches ich für mich mietete, war geräumig, hell und billig. Es kostete mich monatlich drei Scudi. In einigen Stühlen, einem Tisch, einem großen Bett und der römischen dreiarmigen Messinglampe bestand das ganze Mobiliar. Vorhänge waren nicht gebräuchlich, der Fußboden von rotbraunen Fliesen, aber so defekt und locker wie Tür und Fenster, durch welche die gesunde Luft jederzeit freien Eingang fand, auch wenn sie zu ihrem Einlaß nicht besonders geöffnet waren.

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Desto lieblicher war die Aussicht auf ein Gartenplätzchen der Villa Malta mit einer Weinlaube und einigen Orangen- und Limonenbüschen, aus denen die goldenen Früchte leuchteten, und über welches sich in weiter Ferne der Vatikan mit der mächtigen Peterskuppel erhob.

So ließ ich nun meinen Koffer aus dem Gasthofe holen, und ehe es Mittag läutete, war ich in meiner kleinen Wirtschaft eingerichtet und alles fix und fertig.

Nach langer, einsamer Wanderung fühlte ich mich äußerst behaglich, in kürzester Frist ein bescheidenes Daheim und noch dazu einen liebenswürdigen Freund zum Nachbar gefunden zu haben.

Der Mittagstisch im "Lepre" und noch mehr die obskure und höchst ursprüngliche "Osteria di Tritone", welche am Abend besucht wurde, machte mich bald mit der jüngeren Generation der Genossen bekannt. Es war hier, wie beim ersten Pfingstfeste, ein Gemisch aller möglichen deutschen Dialekte; man hörte da die Bayern und Schwaben, die Österreicher und Rheinländer, die Norddeutschen, Dänen und Livländer in ihren Zungen reden, und die Landsleute, zahlreich vertreten, glänzten in einigen Prachtexemplaren im pikantesten Sächsisch.

In den ersten Tagen durchstrich ich nun in Wagners Begleitung die interessantesten Teile der Stadt, um mich einigermaßen zu orientieren. Den Korso entlang über das Kapitol wurde zuerst das Campo Vaccino aufgesucht, welches damals für den Altertümler und Touristen etwas weniger, für den Maler und Poeten aber einen um so größeren Eindruck hervorbrachte; denn die Ausgrabungen dieser großartigen Trümmerwelt waren noch spärlich und das ganze Terrain noch in einem urwüchsigen Zustande.

Unsere allabendliche Osteria hieß il Tritone, ohnweit der Piazza Barberini, wo ein Triton im Bassin das Wasser aus dem Horne bläst. Da man in einer solchen Schenke nur Wein und Brot, aber keine Speisen haben kann, so wurde unterwegs vom Pizzicarole schnell etwas Schinken, Wurst und Käse mitgenommen oder an einer Straßenecke bei einem Kastanienröster die Taschen mit den heißen Kastanien gefüllt, was denn mit dem vortrefflichen Velletriwein ein bescheidenes Abendessen gab. Hier wurden nun mit Scherz und gutem Humor die Tagesereignisse in der Künstlergemeinde, die Arbeiten und sonstigen Vorkommnisse besprochen und die im Schwange gehenden Kunstansichten ausgesprochen und pro und contra durchgefochten, wie das in solchen geschlossenen Kreisen hergebracht ist.

Die Oktoberfreuden zu genießen, war auch ich mit Koch, Wagner, dem Bildhauer Lotsch, v. Hempel, Thiele und Oehme nach dem Monte Testaccio gegangen. Unter den alten Ulmen, welche den Hügel umgeben, und vor den geöffneten Kellern hatten sich bereits fröhliche Volksgruppen eingefunden, die sich an dem trefflichen Weine labten, der hierverschenkt wird. Koch tobte beim Anblick eines neuen, etwas eleganten Vorbaues an einem der Keller und stampfte im Zorn mit seinem Stock, der mehr einer Keule ähnlich sah, über solche ungebührliche Modernisierung. Denn alles, was die alten naturwüchsigen Zustände Roms im geringsten antastete, war ihm ein Greuel. In dieser Beziehung dachte er wie Winckelmann und wie alle, die nicht unbedingt der Nützlichkeitstheorie huldigen: "Ich kenne für mich nur zwei schreckliche Dinge: wenn man die Campagna anbauen und Rom zu einer polizierten Stadt machen wollte - und würde in solchem Falle Rom verlassen. - Nur wenn in Rom eine so göttliche Anarchie und um Rom eine so himmlische Wüstenei ist, bleibt für die Schatten Platz, deren einer mehr wert ist, als dieses ganze Geschlecht".

Nach und nach wurde es lebendig auf dem Platze. Wagen kamen gefahren, gefüllt und überfüllt mit buntgeputzten Mädchen und Frauen und ihren Männern oder Liebhabern. In einem Wagen saßen vier wunderhübsche Mädchen, Trasteverinnen, ganz gleich gekleidet: weißer Rock, rosafarbenes Samtjäckchen und blaue Schuhe mit großen, silbernen Schnallen; auf dem Kopfe den schwarzen Filzhut, mit Federn und Blumenkränzen geschmückt.

Die Fröhlichkeit wurde lauter. Das helle Lachen der Mädchen, das Zurufen, Singen und Deklamieren der Männer, das Klimpern einer Mandoline mit dem Pauken und Rasseln des Tamburins, welche den Saltarello begleiteten, alles Volkslust, trotz Wein und Tanz, trotz des ungezwungenen Verkehrs der Geschlechter untereinander nicht das mindeste, was einer Roheit ähnlich sieht, zu bemerken ist. Gemeinheit wie Ziererei liegen gleich fern.

 

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