| Louise Seidler, Malerin Rom 1818 Durch die Porta del Popolo fuhren wir am Nachmittag des 28. Oktober 1818 zur ewigen Stadt hinein.
Schon der herzliche Empfang, den wir fanden, rührte uns tief, und in freudiger Bewegung erreichten wir das Haus, in welchem Henriette Herz für Frau von Loewenich und mich eine Wohnung gemietet hatte. Es war ein schönes, geräumiges Gebäude, dessen Parterre von einer Familie Pulini bewohnt ward, welche die übrigen Räumlichkeiten zu Künstlerwohnungen eingerichtet hatte.
Neben dem großen Gemach, das mir angewiesen war, wohnten Wand an Wand die Historienmaler Schnorr von Carolsfeld und Friedrich Olivier. An die Zimmer dieser beiden Künstler stieß dasjenige der Frau von Loewenich. Schnorr begrüßte in mir sogleich aufs herzlichste die Landsmännin, mit einer Freundlichkeit, durch welche der angenehme Eindruck seines Entgegenkommens noch erhöht wurde. Er war von schlanker Figur; sein Gang und seine Bewegungen waren leicht; sein ganzes Wesen erschien einnehmend und ritterlich; besonders kleidete ihn die damals von den im Rom lebenden Künstlern fast allgemein angenommene altdeutsche Tracht. Er bildete den wohltuendsten Gegensatz zu dem verschlossenen, manchmal schroffen Olivier, der für mich nie etwas anziehendes hatte. Da ich Schnorr mein Leid über die für meine Gesundheit nachteiligen Zimmer klagte, bot er mir sofort eine sehr freundlich belegene Wohnung an - eine Güte, welche ich mir dankend zunutze machte. Damit man aber nun nicht glaube, ich habe gewohnt wie eine Prinzessin, so folge gleich hier eine Schilderung meines nunmehrigen Quartiers, welches mich während der größten Zeit meines Aufenthaltes in Rom beherbergen sollte. Wie fast alle Künstlerwohnungen, war es am Monte Pincio belegen, und zwar auf dem höchsten Punkte desselben, dicht neben der Porta Pinciana. Dort stand der vierstöckige Palazzo Guarniere; in diesem befand sich mein Logis eine Treppe hoch. Es bestand aus einem langen, mit verwitterten Fresken gezierten Saale und einem anstoßenden Schlafzimmer, welches zwei Fenster und einen Kamin hatte. Die Mamorbekleidung der verbindenden Tür, infolge eines Erdbebens geborsten, klaffte weit auseinander. Das Mobiliar war gleich null, man sah weder Vorhänge noch den Luxus eines Schreibtisches; als Sofa diente eine schmale, strohgeflochtene Bank; die einzige Kommode war grau angestrichen und mit bunten Linien verziert; das Bett, wie gewöhnlich in Italien, so breit, daß drei bis vier Personen darin Platz gehabt hätten. Es bestand aus vier Brettern, die auf eisernen Untergestellen ruhten; auf den Brettern lag ein mit Maisblättern gestopfter Sack, darüber eine dünne, mit Wolle gefüllte Matratze. Ein ebenso gefüllter leinener Sack fungierte als Kopfkissen; vervollständigt wurde dieses primitive Ganze durch eine wollene Decke. Das Leinenzeug war stets ungerollt und so grob wie ein deutsches Soldatenhemd; Andersens "Prinzessin auf Erbsen" würde wahrscheinlich auf dieser Lagerstatt in der ersten Viertelstunde den Geist aufgegeben haben.
Die Orte, wo die Jahrtausende alte Geschichte Roms uns am machtvollsten entgegentritt, sind unstreitig die Trümmer der Kaiserpaläste und das Forum romanum, jetzt Campo Vaccino genannt. Jene hatten große Erwartungen bei mir erregt, die jedoch ziemlich getäuscht wurden.
Unter hohen Bögen, zwischen einzelnen, stehengebliebenen Stücken Mauerwerk ging es auf und ab; dazwischen Weinberge, Gärten, Artischockenpflanzungen usw.
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