Fanny Mendelssohn, Komponistin

Rom 1839

Wenn ich Dich bis jetzt hergewünscht habe, so geschah es nicht allein meinet-, sondern auch Deinetwegen. Neulich aber habe ich Dich bloß meinetwegen hergewünscht, denn anstatt mich zu ennuyieren, wie ein Mops auf dem Koffer, würde ich mich wie ein Kaninchen amüsiert haben, wenn Du mir geholfen hättest. Es war eine feierliche Sitzung der Archäologischen Gesellschaft, Winckelmanns Geburtstag (ich gratuliere), und ich war hingegangen worden. Die Sitzungen finden auf dem Tarpejischen Felsen statt.

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Der Saal ist küchenrot pompejanisch gemalt und so antik niedrig, daß Dirichlet den höflichsten Bückling würde machen müssen. Längelang steht ein grüner Tisch und Rohrstühle zu beiden Seiten (alles auf dem Forum ausgegraben). In der Mitte des Tisches steht Winckelmanns Büste mit einer Nachtmütze von Rosen und Efeu und Papenkord gewunden, Minna würde geschaudert haben über solchen Kranz. Es waren schon einige Damen und viele Herren versammelt, alles sprach leise, und es ging so putzig feierlich zu, daß mir schon der Magen zum Lachen wackelte, ehe noch ein Mensch gesprochen hatte. Nun fingen aber die Reden an! Die Herren, die sich in italienischer Sprache vernehmen ließen, hießen Kestner, Braun, Otfried Müller, Abeken, und ihre Aussprache klang ebenso italienisch wie ihre Namen. Kestner las die Einleitung wie ein altes vernünftiges Pferd, das einen angemessenen Schritt geht, bei jedem stolpert, aber doch nicht fällt. Hierauf galoppierte Braun herbei und las über die archäologischen Verdienste des Herzogs von Blacas. Er zeichnete sich dadurch aus, daß er auf gut sächsisch b mit p und d mit t verwechselte. Er machte unglaubliche Kapriolen in der armen italienischen Sprache und kam mir so lächerlich vor, daß ich die M., die neben mir saß und mich immer ansah, inständig bitten mußte, es zu unterlassen, sonst wäre ich losgesplatzt. Dann kam Otfried Müller, für diesmal der Lion, - alles räusperte sich, ehe er anfing. Er bewies uns alten Schriftstellern, wo ein gewisses Gebäude des Forums gestanden haben müsse. Anfangs bildete ich mir wirklich ein, es interessiere mich, aber bald sah ich meinen Irrtum ein, und da kam mir alles so willkürlich vor, und der Gegenbeweis schien mir so leicht zu führen, daß ich beinahe auf den Tisch gestiegen wäre und mit den Maulwürfen geheult hätte.

 

Rom, den 25. Februar

Wir karnevalierten einstweilen hier lustig fort, und das tolle Zeug amüsiert mich weit über meine eigene Erwartung. Eine förmliche Beschreibung der Sache kann ich Euch ersparen, denn die Mühe hat Goethe vor mehr als 50 Jahren übernommen, und in den Grundzügen wie in vielen einzelnen Masken ist es dasselbe geblieben. Wir haben es auf alle Weise versucht, auf drei verschiedene Balkons im Korso, zu Fuß und zu Wagen. Letztere Art ziehe ich durchaus vor; denn nicht nur, daß man sich auf bequeme und sichere Weise mitten im Gewimmel bewegt und alles gut übersehen kann, sondern der Hauptspaß besteht eigentlich in dem kleinen Kriege, den alles gegen die Wagen führt, und die beiden Wagenreihen untereinander.

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Die verschiedenen Angriffsarten, mit Gips, kleinem und großem Zuckerwerk, und Blumensträußen, letztere natürlich die feinste, werden gewöhnlich auf entsprechende Weise erwidert, und Sebastian war neulich sehr ungehalten, daß ich eine Gipsladung mit einem Bukett erwiderte, da ich gerade nichts anderes zur Hand hatte. Mehl ist mauvais genre und eigentlich verboten, wird aber scheffelweise verbraucht. Überhaupt treiben viele, besonders Fremde, die Sache ohne alle Grazie und suchen den Witz bloß in der Menge und Härte des Materials, womit sie die Leute aus sicherer Ferne vom zweiten oder dritten Stock herunter überschütten; auch aus größter Nähe bekommt man Ladungen ins Gesicht, die gar nicht sanft tun, allein jeder ist so toll oder so vernünftig, sich nicht darüber zu ärgern, sondern sich nur bestmöglich zu rächen. Der Bruder des Königs von Neapel, der Prinz von Syrakus, hatte einen Balkon gemietet, von wo herab er einen so unerschöpflichen Strom von Mehl ergoß, daß die Ecke kaum zu passieren war.

Sehr häufig sitzen die Kutscher als Frauenzimmer auf dem Bock und sehn oft gar nicht übel aus; die großen über und über behangenen Wagen, deren Räder ganz mit Lorbeer umwunden sind, machen sich sehr hübsch. Gewöhnlich tragen sie etwa ein Dutzend ganz gleich gekleideter Narren, was einen umwiderstehlich komischen Effekt macht. Wenn man sich aber solch einem Wagen nähert, muß man sein Gesicht wahren, denn es gibt unfehlbar einen Hagel von Konfetti. Die meisten Damen halten sich zu diesem Zweck Drahtmasken vor das Gesicht, da ich aber die Lorgnette brauche, kann ich dies Mittel nicht anwenden, sondern schütze mich nur durch den Schleier. Am Giovedè grasso, einem der brillanten Tage, fuhr ich mit Thorwaldsens Tochter, einer sehr artigen Frau, ihrer Nichte und Sebastian. Du hast gar keinen Begriff, was man alles zu tun hat während so einer Korsofahrt. Sich umsehn, und alles dumme Zeug bemerken, aufpassen, von woher geworfen wird, um sich womöglich zu decken, den Wurf auf angemessene Weise erwidern, die Munition sammeln und sondern, die in den Wagen geworfen wird, sich mit den Stutzermasken unterhalten, die auf den Tritt steigen, sich als Bekannte benehmen und den Augenblick abpassen, einem etwas ins Gesicht zu werfen, alle diese wichtigen Geschäfte nehmen den Geist und die Hände so in Anspruch, daß man nicht weiß, was man zuerst tun soll, ja es ist unglaublich, aber man macht so rapide Fortschritte in der Tollheit, daß man es ordentlich übelnimmt, wenn ein Wagen vorüberfährt, ohne zu werfen, denn es ist eine Vernachlässigung. Kennst Du mich wieder, liebe Mutter, daß ich mich stundenlang amüsiere in einem Geschwirr und Lärm, den man weder mit dem Brausen des Meeres noch mit dem Gebrüll wilder Tiere, sondern nur mit dem des römischen Korso vergleichen kann? Ich glaube, viel tut dazu die freie Luft, in der dies alles vorgeht, im geschlossenen Raum wäre es nicht zu ertragen.

 

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