| Eröffnungsrede Jürgen Mulzer "Faszinierende Antike - 30.4.-26.5.1999 im Italienischen Kulturinstitut, Hamburg
Sehr verehrter Herr Kulturattaché, sehr geehrter Herr Dr. Liverani, lieber Herr Mulzer, meine Damen und Herren, als ich vor einigen Jahren erfuhr, daß es an der Hochschule für Musik und Theater die Veranstaltungsreihe "Rom im Forum'' gibt, war ich hoch erfreut. Hier im hohen Norden, in Hamburg, einer Stadt, die zweifellos auch einen großen Charme hat, schaut man immer mit sehnsuchtsvollem Blick nach Süden, auf die Lebensart, die südlich der Alpen gepflegt wird. Zeugen vergangener Kulturen an fast jeder Straßenecke, antike Plätze, auf denen Weltgeschichte geschrieben wurde und große Museen mit einer unübersehbaren Fülle von Meisterwerken, all dies sucht man bei uns vergebens. Jürgen Mulzer, dem wir diese Veranstaltungsreihe verdanken, ist es gelungen, mit einem abwechslungsreichen Konzept aus Lesungen, photographischen Impressionen und musikalischen Darbietungen, die vielen Faszetten der "ewigen Stadt" einem großen Publikum nahezubringen. Die nächste Veranstaltung findet unter dem Titel "Der Blick des Dichters" als Sonntagsmatinee am 9. Mai in der Hochschule statt. Seine Beschäftigung und Liebe zu Rom hat Jürgen Mulzer im Laufe der Jahre in viele römische Museen geführt. Es ist daher für uns alle eine große Ehre, daß Herr Dr. Paolo Liverani, Direktor einer der bedeutendsten Antikensammlung der Welt, der päpstlichen Sammlungen im Vatikan, heute unter uns ist und über die interessante Geschichte seiner Kollection berichtet hat. Auch ich darf an dieser Stelle Herrn Dr. Liverani nochmals ganz herzlich begrüßen und mich für seinen aufschlußreichen und spannenden Vortrag bedanken. Meine Damen und Herren, Rom lädt ein zu einem Spaziergang in unsere Vergangenheit. Das Imperium Romanum, das hier seinen Ursprung nahm, hat Europa und die kulturelle Entwicklung des Abendlandes entscheidend und nachhaltig geprägt. Es begleitet den Rombesucher fast auf Schritt und Tritt. In keiner anderen Stadt ist das Altertum noch so lebendig und Teil des modernen Alltags. Nirgendwo sonst gibt es eine so große Zahl bedeutender Sammlungen mit antiker Kunst. Die päpstlichen Sammlungen im Vatikan, die Museen auf dem Kapitol, das Thermenmuseum und die Villa Giulia sind klangvolle Namen und Stätten mit einzigartigen Kunstwerken. Gerade jetzt, wo das Jahr 2000 ante portas steht, ist man in Rom bemüht, weitere Sammlungen dem Publikum zugänglich zu machen. Die Galleria Borghese ist gerade wieder geöffnet, das Thermenmuseum wird grundlegend renoviert und ein ehemaliges Elektrizitätswerk außerhalb von Rom beherbergt zur Zeit in eindrucksvoller Weise Exponate aus den kapitolinischen Museen, die ebenfalls neu konzipiert werden. Seit jeher haben die antiken Bildwerke Roms auf ihre Besucher aus dem Norden eine magische Anziehungskraft ausgeübt. Der aus Stendal stammende Johann Joachim Winckelmann hat sich als erster systematisch mit den antiken Hinterlassenschaften beschäftigt. Seine 1764 erschienene "Geschichte der Kunst des Altertums" war die Geburtsstunde der modernen Archäologie. Er entwickelte eine chronologische Einteilung einzelner Perioden des Altertums und warf die Frage nach den Gesetzmäßigkeiten auf, mit denen absolute Schönheit in der Kunst erreichbar. Seinen Spuren folgten viele. Wolfgang Helbig, ein deutscher Archäologe, der lange Jahre in Rom tätig war, hat im späten 19. Jahrhundert eine Mammutaufgabe auf sich genommen. Sein Ziel war es, die Rombesucher an die antiken Werke in den Museen heranzuführen, ihnen das Verweilen und Anschauen zu erleichtern. Helbig verfaßte ein umfangreiches, mehrbändiges Werk, den "Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom", in denen er alle Kunstwerke akribisch beschreibt, um "jüngere Archäologen und gebildete Laien in den römischen Museen zu orientieren", so seine Ausführung in dem einleitenden Satz der Erst-Auflage von 1891. Dieser Führer wurde zu einem Standardwerk, von dem 1913 bereits die dritte Auflage erschien. Nachdem diese Bände jahrelang vergriffen waren, erschienen sie in den 60iger Jahren, neu bearbeitet, zum vierten Mal. Einen Eindruck dieses Führers vermittelt Ihnen die heute Abend zu eröffnende Ausstellung. Auch Jürgen Mulzer hat zur Erläuterung seiner Arbeiten, Helbig herangezogen. Helbigs Beschreibungen ergänzen und erläutern die vor Ihnen ausgebreiteten Photographien. Jürgen Mulzer, der im Hauptberuf technischer Leiter des Forums in der Hochschule für Musik und Theater, ist reist seit etwa 20 Jahren in regelmäßigen Abständen immer wieder nach Italien, vor allem nach Rom. Das Land zieht ihn magisch an, die antiken Kunstwerke faszinieren ihn. Insbesondere römische Bildwerke, die einstmals die öffentlichen Plätze und Gebäude sowie die Privathäuser wohlhabender Römer schmückten, haben "es ihm angetan". Seine Streifzüge durch die Museen führten zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den antiken Kunstwerken. Am Anfang stand die spontane Begeisterung im Vordergrund, es folgte eine schrittweise Annäherung, eine sehr persönliche Sichtweise, fast könnte man sagen, er trat in eine Art Zwiegespräch mit den Skulpturen. Diese persönlichen Blicke, die er mit der Kamera festhält, stehen in einem interessanten und spannungsvollen Kontrast zu den ausführlichen Beschreibungen Helbigs. Der Archäologe bemüht sich um eine objektive Betrachtung. Das Werk wird ganzheitlich beschrieben, datiert und innerhalb der antiken Kunstgeschichte bewertet. Die Ästhetik, die einmalige Schönheit und vollendete Ausdruckskraft der Skulpturen, die bereits von den Römern des Altertums so geschätzt wurden, ist für das analytische Auge des Archäologen zunächst sekundär. Ganz anders der Photograph: Er nähert sich mit einem unvoreingenommen Blick dem Objekt. Nicht die Gesamtheit des Kunstwerkes interessiert ihn, sondern das Detail. Er sucht nach dem entscheidenden Ausdruck, in dem sich für ihn die Schönheit der antiken Statue manifestiert. Diesen subjektiven Ausschnitt zeigt er in seinen Bildern. Sie sind auf das für ihn Wesentliche reduziert. Jürgen Mulzer hat nicht den raschen Blick eines oberflächlichen Beobachters. Zieht ihn ein Kunstwerk in seinen Bann, dann bleibt er den ganzen Tag vor Ort, photographiert bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen und Tageszeiten; machmal kommt er auch am folgenden Tag wieder, um seine Arbeit fortzusetzen. So entstehen Aufnahmen von antiken Werken in einem ganz anderen Licht: Der Betrachter sieht Idealplastiken, wie die verwundete Amazone, und einzigartige Götterstatuen, wie den Apoll von Belvedere. Neben bedeutenden römischen Herrschern wie - Caesar und Augustus - erscheint aber auch Verstecktes, das sonst von kaum jemandem wahrgenommen wird. All diesen Kunstwerken verleiht Jürgen Mulzer durch seine bewußte Abstraktion eine neue Dimension und eröffnet uns so einen anderen Zugang zu ihrem Verständnis. Die antiken Gesichter, die uns in seinen Photographien entgegentreten, strahlen eine tiefe Ruhe und zeitlose Schönheit aus. Ihre Augen sind von großer Intensität, sie scheinen den Kontakt mit uns zu suchen. Meine Damen und Herren, die Aufnahmen von Jürgen Mulzer haben mich sehr fasziniert. Sie zeigen eine subjektive Sichtweise, die sich von allen archäologisch-objektiven Kriterien löst. Die Photographien ermöglichen dem Besucher einen eigenen Zugang zu den fast 2000 Jahre alten Meisterwerken. Ich hoffe sehr, daß Sie sich auf das angebotene Zwiegespräch einlassen und sich ebenfalls faszinieren lassen. Ich wünsche der Ausstellung einen großen Zuspruch, viele aufmerksame Besucher und neue Freunde der antiken Kunst und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Dr. Cornelia Ewigleben, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg |
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