| Bronzener
Porträtkopf, sogenannter Brutus
Der Kopf hat zu einer Bronzestatue gehört, die seinen Maßen entsprechend überlebensgroß gewesen ist, und war leicht nach seiner linken Seite gewendet. Das läßt sich mit Sicherheit aus der Verschiebung der Halsmuskulatur und aus den Asymmetrien des Gesichts erschließen. Außerdem ist er höher aufgerichtet gewesen als heute, wie eine aufmerksame Beobachtung des Halskonturs ergibt; übrigens hat ihn auch Marten van Heemskerck, der ihn noch ohne die Renaissancebüste wiedergab, in einer solchen Haltung gezeichnet. Er ist aus wenigen großen Wölbungen aufgebaut. Die physiognomischen Akzente wie die tiefliegenden Augen, die scharfen Ränder darunter, die eingefallenen Wangen, die Furchen zwischen Wange und Oberlippe, der Mund mit den schmalen, zusammengepreßten Lippen und die leichte Stirnfalte treten durch die Isolierung stärker hervor und bringen durch ihre Sonderung den Charakter in ungewöhnlicher Weise zur Darstellung. Unser Bronzekopf stimmt also mit den Bronzeköpfen des frühreifen Knaben in Florenz und des Mannes aus Bovianum vetus sowie mit anderen mittelitalischen Köpfen darin überein, daß bevorzugte Formen, die die Wesensart ausdrücken sollen, ohne organischen Zusammenhang, gleichsam isoliert, dem stereometrischen Kern aufgesetzt oder eingeschrieben werden. Es fehlt ihm daher an einer organisch-plastischen Konzeption, die Urgrund griechischer Schaffensweise ist. Außerdem sind Haar und Bart nicht etwa wie in griechischer Kunst in ungezwungener Natürlichkeit gestaltet. Der Bart ist vielmehr in fühlbarer Anlehnung an archaische Formen, das Haar in freier Terrakottamanier angelegt, als ob die Strähnen mit dem Modellierholz gezogen wären. Und dennoch wirkt unser Bronzekopf als Ganzes gesehen einheitlich. Für sich allein betrachtet enthüllt er sich sogar als ein Meisterwerk, das allen anderen mittelitalischen Schöpfungen mit weitem Abstand vorausgeht. Denn dieser vom Leben gezeichnete Mann mit den schmalen Schläfen, der aquilinen Nase, den zusammengekniffenen Lippen und den herabgezogenen Mundwinkeln spricht eindringlich zu jedem Betrachter, nicht zuletzt wegen des Zaubers, der von den antiken Augen ausgeht. Es ist ein Porträt, das Charakterbild eines Römers alten Schlages. H. Meyer schrieb daher mit vollem Recht von ihm. "Es ist darin ein fester, sehr ernster, ja strenger Charakter äußerst wahrhaft ausgedrückt, was vielleicht auch die einzige Ursache des ihm beigelegten Namens ist." Denn, als eine der ältesten Antiken Roms viel beachtet, wurde der Bronzekopf seiner besonderen Züge, seines Ernstes und seiner Verschlossenheit wegen alsbald als Bildnis des L. Iunius Brutus betrachtet: des Brutus, der sich nach dem Mord seiner Söhne durch den König Tarquinius Priscus wahnsinnig stellte, um dessen Rache zu entgehen; der die Schändung der Lucretia durch den Königssohn Sextus Tarquinius zum Anlaß nahm, um das Volk gegen den König aufzustacheln und nicht ruhte, bis er vertrieben war; und der 509 vor Chr. als erster Konsul die römische Republik begründete. Mit dieser legendären Gestalt wurde der Bronzekopf unter anderem auch aus dem Grund identifiziert, weil er den Münzbildnissen ähnlich sieht, die ein späterer Angehöriger der Familie, der Caesarmörder M. Iunius Brutus, von seinem Ahnherrn hatte prägen lassen (59 und 43/2 vor Chr.). So haftet dem Bronzekopf als dem vermeintlichen Porträt eines der Großen der römischen Geschichte ein spürbarer Affektionswert an. Schon bald nachdem er bekannt geworden war, erfreute er sich allgemeiner Hochschätzung. Später haben ihn J. J. Winckelmann und sein schon genannter Zeitgenosse H. Meyer erwähnt. J.-L. David gab seinem Brutus in dem gleichnamigen, berühmten Gemälde von 1789, die Züge des kapitolinischen Bronzekopfes. Wolfgang Helbig, |
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